Home

Zur Person

Angebote

 


Bücher

Auszug aus „Die gestresste Seele - Neue Kraft bei Burnout und Erschöpfung“

Teil 1 Verführung Burnout
"Ich kann mir keinen Ausfall und keine Ruhepause leisten!", - das ist ein wichtiges Warnsignal vor dem kommenden Burnout. Keine Geschichte bringt es besser auf den Punkt als die schon altbekannte vom Mann mit der Säge. Der steht im Wald und schuftet sich ab mit einem Baum und sägt und sägt. Ein Spaziergänger macht ihn darauf aufmerksam, dass seine Säge ja ganz stumpf ist und er sie doch erst einmal schärfen soll. Seine Antwort: "Keine Zeit dazu - ich muss sägen!"
So verhalten sich nicht nur Waldarbeiter, sondern auch andere unermüdlich Rackernde. Der eigene Stress macht unempfindlich und blind. Oder genauer noch: man blendet aus. Denn so unbewusst ist keiner, dass er die eigene immer stärker werdende Erschöpfung übersieht!
Burnout hat es etwas Verführerisches. Jemand geht radikal immer weiter und weiter – bis er zusammenbricht. Etwas daran ist anziehend.
Wie anders würde es wirken, wenn jemand den Mut hätte zu sagen: "Ich bin dabei, einen Burnout zu provozieren." Denn um nichts anderes geht es. Es muss sich abends nur jemand vor den Spiegel stellen. Er (oder sie) schaut sich erst in die Augen und dann wandert der Blick über das Gesicht und nimmt dabei die Ringe um die Augen und die Anspannung wahr. Er (oder sie) registriert die Falten und Fältchen, die sich in den letzten Jahren, Monaten und Wochen gebildet haben. Wenn er (oder sie) sehr ehrlich wäre, dann könnte folgender Dialog mit dem Spiegelbild entstehen:
"Du näherst dich allmählich einem Burnout. Du weißt genau, wenn du so weiter machst, wird es über kurz oder lang so weit kommen. Du steuerst entschlossen darauf zu. Denn Alternativen kommen für dich ja nicht in Frage. Dagegen zu steuern ist dir zu unangenehm oder zu peinlich. Du willst dich auf keinen Fall blamieren und als Schlappschwanz oder nicht-belastbare Tussi dastehen."
Also drücke man die Augen fest zu und steuere mit Schmackes - oder auch mit langsamen Schlingerkurven - auf den Burnout zu. Wenn schon untergehen, dann wenigstens mit wehenden Fahnen! Nach mir die Sinnflut … Das ist, wenn man auf Sturheit steht, heroisch. Aus einem anderen Blickwinkel ist es dumm. Eigentlich eine bunte Mischung aus beidem.

Die Grenzerfahrung
Alles ist machbar. Das ist eine der wichtigsten Überzeugungen in der heutigen Geschäftswelt. Es gilt, Berge zu versetzen und sich von keinem Hindernis aus der Bahn bringen zu lassen. "Nichts ist unmöglich" - nicht umsonst ist das das Motto von Toyota, einem der erfolgreichsten Autobauer der Welt.
"Mir gehört die Welt" - mit diesem Selbstvertrauen schafft die jeweils jüngste Generation Gewaltiges. Der ungetrübte Glaube der Jugend an die eigene Kraft ist lebendig und frisch. In der Frauenzeitschrift Brigitte bringen es einige junge Frauen auf den Punkt. Sophia (18): "An Jungs in unserem Alter finde ich stark, dass sie verrückte Dinge machen, ohne lange darüber nachzudenken." Mirjana (19): "Die werfen sich mit dem Skateboard einen Hügel runter: Jeder normaler Mensch würde sagen 'Du tust dir unglaublich weh dabei', aber denen ist das egal. Sie machen es einfach, um das mal auszuprobieren. Das finde ich schon toll." Und Anna (18) stellt fest: "Ältere Männer, unsere Väter zum Beispiel, würden so was nicht machen." (Und die meisten Väter werden an dieser Stelle nicken.)
Burnout ist auch eine Grenzerfahrung. Die eigenen Grenzen auszuloten ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Wie viel kann ich leisten? Wie viel packe ich? Nur wer wirklich bis an die Grenze geht, weiß. was ihm möglich ist. Wer immer schon frühzeitig aus Vorsicht "den Schwanz einkneift" kann gar nicht wissen, ob nicht noch viel mehr für ihn möglich gewesen wäre. Also muss vielleicht heute jeder Leistungsträger einmal einen Burnout erlebt haben – erst dann weiß er genau, wo seine Grenzen sind.
Wer aber ewig so weiter machen will, ist irgendwo innerlich stecken geblieben. Wer gnadenlos auf Kosten seiner Substanz lebt, der scheut sich vor bestimmten Einsichten. Die Einsicht, dass es Grenzen, Beschränkungen, ja ein Ende gibt, gehört zur Reife und zum Alter. Manchmal braucht es einen Schock, ein Todesfall im Freundeskreis oder eine schwere Krankheit. Auch Burnout kann als solcher Schock dienen.

zum Seitenanfang zurück
zurück