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Auszug aus "Prüfungen als Herausforderungen: Mentale Stärke im Examen"

Mentale Stärke gibt es nicht gratis
Ist die Gelassenheit, die manche in Prüfungen und anderen schwierigen Situationen ausstrahlen, nicht einfach ein Geschenk der Natur? Der eine hat es schon mit der Muttermilch aufgenommen, der andere eben nicht! Wer dann zu denen gehört, denen schon beim Gedanken an Prüfungen die Knie zittern – das ist einfach Schicksal. Vielleicht mögen die Knie nach vielen Prüfungen etwas weniger wackeln. Man gewöhnt sich an diese Art von Stress. Aber bis dahin bleibt man dem ausgeliefert.
„So bin ich nun einmal!“ Und selbst wenn ich wochenlang bei meinen Vorbereitungen durchhänge, irgendwann keine Lust mehr habe und vor lauter Frust die Bücher an die Wand werfe, dann gehört das doch zu mir?! Oder muss ich mich noch mehr anstrengen? Die Zähne zusammenbeißen und einfach stur durchhalten? Bin ich dann mental stark?

Wer ist mental stark?
Spitzensportler führen bei Weltmeisterschaften und Olympiaden anschaulich vor, was mentale Stärke ist. Alle Athleten haben sich monate- und jahrelang vorbereitet. Sie sind auf den Punkt körperlich stark und topfit. Und doch unterschieden sie sich enorm in den Ergebnissen.
Da versagen Spitzenkämpfer, bringen drei Fehlstarts hintereinander und müssen ausscheiden. Plötzlich schaffen sie die Leistungen nicht mehr, die sie vorher im Training locker bewältigt haben. Andere treffen auf ihre Angstgegner. Noch nie konnten sie diesen Konkurrenten besiegt! Und sie werden auch ein weiteres Mal geschlagen.
Erinnern Sie sich vielleicht noch an die Olympiade von Peking und die Schlagzeilen in der Zeitung? „Hambüchen stürzt am Reck ab“ „Fünf Geräte hatte Fabian Hambüchen bereits geturnt. Relativ problemlos. Im Mehrkampffinale der Olympischen Spiele wartete nun nur noch sein Paradegerät, an dem er im vergangenen Jahr Weltmeister geworden war: dass Reck. Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen hob den 20-Jährigen an die Stange, Fabian drehte sich zwei-, dreimal, schleuderte sich zum Kolman-Salto in die Luft – und griff daneben.“
Und dann gibt es auch den anderen Favoriten. Die ganze Nation sitzt vor dem Bildschirm, fiebert in den Vorkämpfen mit und hofft auf einen Sieg. Und er enttäuscht die Hoffnungen nicht, steigert sogar noch die Leistungen seiner Vorkämpfe und bringt einen persönlichen Rekord.
Boris Becker war zu seinen Tennishochzeiten für mentale Stärke, für einen unbedingten Willen zum Sieg bekannt (bei den anderen Hochzeiten scheint sie ihm ja nicht mehr immer so zur Verfügung zu stehen).
In einem Focusbericht mit dem Titel „Der König der Löwen“ wird ein spätes Match von Becker beschrieben: „Sogar Hobbypsychologen erkannten schon vor dem ersten Ballwechsel des 31-jährigen Becker gegen den zehn Jahre jüngeren Kiefer an der Körpersprache der beiden Kontrahenten, wie´s weitergehen würde: Becker breitbrüstig mit federnd-elastischem Gang vorneweg, Kiefer mit irrlichterndem Blick und unsicherem Geisha-Trippelschritt knapp dahinter – eindeutige Indizien für schon vorab geklärte Macht- und Stärkeverhältnis
Direkt neben dem Eingang zum Center Court (wo Kiefer in seiner noch jungen Karriere erstmals spielen durfte), unterhalb der Königsloge, prangte auch noch provozierend das Transparent ‚Boris Becker Tennisgott’. Spätestens da war für jeden erkennbar Kiefers Selbstvertrauen unter die Normal-Null-Marke gerutscht. Fortan entwickelte sich ein Spiel, das ‚Bild’ am Tag darauf mit der Schlagzeile kommentierte: ‚Boris zog Kiefer die Ohren lang’.“.
Schlussfolgerung in dem Bericht ist, dass „mentale Stärke abhängt von Erfahrung, nervlicher Robustheit und Selbstbewusstsein. Und wichtiger sein kann als Aufschlagsspeed, plazierte Lobs und unerreichbare Schmetterbälle.“
Dass mentale Stärke auch bei jedem Abstiegskampf in der Bundesliga entscheidend ist, verwundert nach dieser klaren Darstellung der unterschiedlichen Körpersprachen nicht mehr!
Was hat das alles mit Ihnen, – körperlich meist nicht besonders athletischen - Examenskandidaten zu tun?
Mehr als Sie vermutlich denken! Allerdings - wenn Sie einem alten Löwen, nämlich ihrem Professor, in der Prüfung begegnen, geht es nicht darum, ihm seinen Platz streitig zu machen. Sonst mag er ihnen die Ohren lang ziehen. Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob Sie wie ein junger Löwe an Prüfungen herangehen oder eher wie eine Maus. Wenn Sie Leistung zum geforderten Zeitpunkt bringen wollen, brauchen Sie den Löwengeist, müssen mental stark sein.
Was heute noch dazu kommt: Das Studium wird zusehends zerstückelter. Wer seinen Bachelor machen will, wird gehetzt von den Studienplänen. Weil es schneller gehen soll, sind sie mit Pflichtkursen voll gestopft, bei denen jeder in eine entscheidende Prüfung mündet, da es in den meisten Fächern keine Abschlussexamen mehr geben soll. Es herrscht eine gnadenlose Jagd nach Punkten. Wer da nicht mental stark ist, kann leicht untergehen.
Inhaltliche Vorbereitung setze ich hier voraus. Was beim Athleten das körperliche Training vor dem Wettkampf, das ist beim Studenten1 die inhaltliche Vorbereitung. Wie der Gewichtheber die körperlichen Muskeln werden durch das Stemmen von Gewichten trainiert, so trainiert der Studierende die „geistigen Muskeln“ durch das Wälzen wissenschaftlicher Bücher. Examenswissen ist notwendig. Ohne das geht es nun einmal nicht, so geistig fit, so mental stark sonst einer auch sein mag.
Aber dieses Wissen genügt nicht. Es muss auch im Moment der Prüfung voll zur Verfügung stehen und abrufbar sein. Es genügt nicht, „Trainingsweltmeister“ zu sein und bei den Vorbereitungsklausuren zu brillieren. Im Ernstfall das Gelernte abzurufen, ist der entscheidende Faktor.

Optimale Leistung wird nicht nur durch Willenskraft erreicht
Willenskraft ist nützlich und wichtig. Sie zu entwickeln und mit ihr zu einer gesunden Selbstdisziplin zu gelangen, ist eine hervorragende Fähigkeit.
Doch manch einer sieht in der Willenskraft nur einen Rammbock. Mit Gewalt alles erreichen, was er sich irgendwann einmal vorgenommen hat! Sich mit Willenskraft perfekt kontrollieren und beherrschen! Er muss nur wollen – und dann ist er wie eine Dampflok auf seinem Gleis und beharrlich, ohne von dieser Spur abzukommen, erreicht er irgendwann sein Ziel.
Doch mentale Stärke ist mehr als das. Sie bedient sich der Willenskraft, aber sie reicht darüber hinaus. Sie ist intelligenter als der sture Rammbock.
Schauen wir wieder zu den Spitzensportlern! Von ihnen werden immer wieder im Moment des Wettbewerbs Höchstleistungen verlangt. Und zwar nicht nur zwei- oder dreimal im Jahr, sondern wie z. B. bei Tennisspielern, regelmäßig über das ganze Jahr. Außerdem kann der Sportler direkt an seiner Leistung messen, was ihm nützt und was ihm schadet. Das Ergebnis ist ein objektiver Maßstab.
James E. Loehr trainiert seit vielen Jahren in den USA Spitzensportler, hat sie immer wieder über ihre Einstellungen befragt und ist dabei zu faszinierenden Ergebnissen gekommen, die er in mehreren Büchern veröffentlicht hat.
Die erbrachte Leistung spiegelt immer - abgesehen von körperlichen und gesundheitlichen Faktoren - die jeweilige innere Stimmung wider. Je besser die Stimmung, desto besser die Leistung und umgekehrt: Je schlechter die Stimmung, desto schlechter die Leistung. Erfolg hat, wer eine ganz bestimmte Art des geistig-seelischen Klimas in sich selbst erschafft und beibehält.
Loehr: „Ich war immer der Annahme, dass ein wenig Angst und Nervosität hilfreich seien. Selbst die konventionelle Forschung auf diesem Gebiet ließ darauf schließen; so war ich überrascht, als ich erfuhr, dass Sportler am besten sind, wenn sie nicht die geringste Angst verspüren. Sobald Athleten anfingen, auch nur geringfügig nervös oder ängstlich zu sein, sank ihr Leistungsniveau. Die einzige Ausnahme hierzu war, wenn ein Athlet nicht genügend Energie verfügte oder nicht ausreichend eingestimmt war, um aus positiven Quellen schöpfen zu können.“2
Die Sportler beschreiben in den Interviews Zustände von hoher und geringer Energie. Hohe Energie ist positiv oder negativ, positiv wird sie als Freude und Begeisterung und negativ als Druck und Angst erlebt. Von fünfzig Höchstleistungen, die geprüft wurden, ereigneten sich alle fünfzig ohne Ausnahme (!) im Bereich der "hohen positiven Energie" von Freude und Begeisterung.
Durch die Befragungen ergab sich folgendes Bild: Negative Energie ist zwar besser als gar keine Energie. Das heißt: Wer in der Examensvorbereitung total absackt, für den ist Druck besser als im energielosen Zustand zu bleiben. Jedoch liegt die beste Leistung aus dem Bereich hoher negativer Energie nur bei 60 %, also bei etwas mehr als der Hälfte des geschätzten Leistungspotentials eines Athleten!
Was alles bringt die positive Energie? Auch dazu machten die Sportler konkrete Aussagen: Spaß, Freude, Liebe, Zielstrebigkeit, Optimismus, Vergnügen, Stolz, Selbstherausforderung, Teamgeist. Diese positiven Energien setzen sich um in entspannte Muskeln, gute Konzentration und einen Zustand innerer Gelassenheit. Negativ erlebt werden Wut, Ärger, Angst, Anspannung, Pessimismus und Frustration. Das spannt die Muskeln an, verschlechtert die Konzentration, und macht innerlich erregt und hektisch.
Das gilt nicht erst im Spitzensport, sondern schon im Kindergarten! Kinder, die in gute Stimmung gebracht werden, schneiden bei unterschiedlichen Testaufgaben besser ab. Sie streben höhere Ziele an, leisten mehr und halten länger durch. So bekamen drei Gruppen von Vierjährigen unterschiedliche Instruktionen. Der einen Gruppe wurde gesagt, sie sollten sich an etwas erinnern, dass sie so fröhlich gemacht hatte, dass sie hochspringen wollten. Der zweiten Gruppe sollte sich an etwas erinnern, dass sie so fröhlich gemacht hatte, dass sie lächeln wollten. Der dritten Gruppe wurde nichts gesagt. Anschließend bekamen alle Kinder eine Lernaufgabe. Und die beiden ersten Gruppen waren besser als die dritte Gruppe, die nur eine neutrale Instruktion bekommen hatten.3
Wenn Sie alle Ihre Möglichkeiten ausschöpfen wollen, brauchen Sie eine positive innere Haltung. Denn mit vorwiegend negativem Energiefluss bringen Sie in der Vorbereitung und in der Prüfung nur eine Leistung knapp über der Hälfte, was Ihnen möglich wäre.4 Das geschieht, wenn Sie nur durch Druck und Angst motiviert sind.
Der Tennisspieler Carl-Uwe Steeb war von 1986 bis 1996 Tennisprofi. Unter anderem gewann er als Mitglied der Deutschen Daviscup-Mannschaft 1988, 1989 und 1993 den Titel. Von 1999 bis 2001 war er ihr Kapitän. In einem Interview 2008 äußert er: „Am wichtigsten ist meiner Erfahrung nach die mentale Verfassung. Wenn ich gut drauf bin, gelassen, selbstbewusst, dann kann ich leichter meine Stärken ausspielen. Heute würde ich lieber die eine oder andere Stunde Training auf dem Platz ausfallen lassen und dafür mehr in mentale Vorbereitung investieren.“
Die moderne Gehirnforschung zeigt, wie wichtig regelmäßige Übung ist. Die Bahnen, die Sie häufig benutzen, werden gestärkt.
Je öfter Sie sich erlauben, unsicher, frustriert und widerwillig zu sein, desto schwächer werden Sie! Am Anfang dauert es vielleicht noch ein bisschen. Aber irgendwann reicht nur noch das Wort Examen. Sie werden blass, verspannen sich, beißen die Zähne zusammen und fangen an zu schwitzen.
Ist das die Richtung, in die Sie gehen wollen? Oder wollen Sie andere Gehirnverbindungen stärken? Solche, die Ihnen Mut, Kraft und Freude geben? Dann nutzen Sie diese, so oft sie können.
Dieses Buch will Ihnen dabei helfen.

(1) Alles, was Sie in dem Buch finden, ist hilfreich für jede Art von Prüfung, sei es Abitur, Meisterprüfung oder Rigorosum. Mein Schwerpunkt von Beispielen ist aber das Studium, daher rede ich von „Studenten“. Inzwischen übertreffren Studentinnen ja oft schon in ihrem Leistungen ihre männlichen Kommilitonen. (Kompliment!) Aus sprachlichen Gründen bleibe ich trotzdem meist bei der einfachen männlichen Form.
(2) Loehr (1), S. 34
(3) Seligman (II), S. 71
(4) Loehr (1), S. 52 f.

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