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Auszug aus "Empowerment in Zeiten der Krise: An Krisen wachsen statt darin unterzugehen"

Wann wir uns mit positivem Denken in die Tasche lügen
„Positives Denken“ in seiner simplen Form besteht darin, dass man ständig bemüht ist, sich positive Gedanken zu machen. Es ist der Versuch, sich selbst etwas zu suggerieren und einzureden, damit es irgendwann wahr wird. Zum Beispiel: „Ich bin fröhlich und erfolgreich.“ Es ist in Schönwetterzeiten nützlich und hilfreich und kann keinen Schaden anrichten.
Anders ist das in Zeiten der Krise. Hier taucht eine Fülle von negativen Gedanken auf. Vom „positiven Denker“ sind sie aber unerwünscht. Im Gegenteil! Negative Gedanken werden so schnell wie möglich verdrängt oder am besten, immer wenn sie auftauchen, durch den positiven Gedanken ersetzt. Schauen wir uns Michael an, der es in seiner Verzweiflung mit dem positiven Denken probiert. Seitdem er entlassen ist, gehen ihm penetrant negative Gedanken durch den Kopf: „Ich bin ein Versager.“ „Nie mehr finde ich eine Stelle.“ „Ich bin schon viel zu alt.“ „Die Welt ist sowieso ungerecht.“ Was versucht Michael in seiner Hoffnungslosigkeit? Weg mit den negativen Gedanken! Und stattdessen dreimal laut vorgesagt: „Ich bin fröhlich und erfolgreich.“
Nun steckt er in einem inneren Zwiespalt. Da gibt es die eine Seite: „Du musst nur positiv denken, dann wird alles gut.“ Dann gibt es die anderen Stimmen im Kopf: „Aber das stimmt doch gar nicht! Du und erfolgreich! Du machst du dir doch etwas vor. Dass ich nicht lache!“ Ist Michael ein Versager? Oder erfolgreich? Zwei Gedanken, die ganz und gar unterschiedlich sind, streiten in seinem Inneren miteinander. Und Michael will die negativen verdrängen. Statt Druck zu vermindern, baut er so Druck auf.
Es ist eine psychologische Gesetzmäßigkeit, dass sich auf Dauer keine Seite unterdrücken lässt. Was verdrängt wird, kommt wieder! Manchmal in einer versteckten Form, aber es wird einen nicht in Ruhe lassen. Auch wenn jemand mit seinen positiven Gedanken krampfhaft alle Zweifel und Bedenken in den Untergrund drückt, sie gehen deshalb nicht weg.
Denn da gibt es zur gleichen Zeit die Wirklichkeit, und die lässt sich nicht völlig ausblenden. Die innere Spannung steigt, und irgendwann bricht das Kartenhaus dann unter dem Ansturm der Realität und der negativen Gedanken zusammen. Denn es ist ein vergeblicher Versuch, sich gegen die notwendigen Phasen, die in einer Krise auftauchen müssen (Zorn, Trauer, Enttäuschung usw.) zu stemmen und macht ihren Verlauf nur schwieriger.
Dabei bin ich nicht grundsätzlich gegen das positive Denken. Es gibt viele Bereiche, wo diese Art des Denkens gut tut. Da steht jemand früh morgens mit dem Wecker auf und ist noch ein bisschen schlaftrunken und missmutig über das frühe Aufstehen. Dann liest er auf seinem angepinnten Zettel unter dem Badezimmerspiegel: “Ich bin munter und freue mich auf das Schöne, was der Tag mir bringt.“ Zwei- dreimal sagt er sich das laut vor und merkt, wie seine Stimmung sich bessert und seine Laune sich hebt. Für einen Morgenmuffel ideal!
Es gibt noch viele solcher Beispiele, die im Alltag die gute Wirkung des positiven Denkens zeigen. Wichtig dabei ist: Der Inhalt des Satzes hat eine Wahrheit oder lässt sich durch das eigene Tun verwirklichen. Vor allem fruchtbar sind Sätze, die aktivieren und deren Inhalt nur in der eigenen Kontrolle steht. Dann fallen positive Gedanken auf einen fruchtbaren Boden. Zum Beispiel eine Ermutigung: „Ich kann sein wie ich bin.“ Oder: „Ich spüre meine Kraft und entspanne mich.“ Oder: „Ich sorge für mich.“ Der Gedanke ist im Moment noch nicht richtig, aber er wirkt anregend, weil er wie der kundige Wegweiser in eine gute Richtung zeigt. Ob dagegen Michael erfolgreich wieder eine Arbeit findet, hängt nicht nur von ihm ab. Das ist nicht in seiner alleinigen Kontrolle.
Wie wichtig der realistische, positive Gedanke ist, zeigen Beobachtungen von Loehr über die positiven Sätze, die sich Spitzensportler vorsagen. Junge Nachwuchssportler sind oft sehr ehrgeizig und ein positiver Satz, der sie antreibt und beflügelt, ist „Ich bin der Beste.“ Wer aber lange Zeit dauerhaft an der Spitze steht, geht vor einem Wettkampf zu einem anderen positiven Satz über, nämlich zu: „Ich gebe mein Bestes.“
Warum? Auf Dauer ist der erste Satz unrealistisch, denn Niederlagen stoßen auch dem stärksten Sportler immer wieder zu. Mit dem Satz „Ich bin der Beste“ unterminieren sie deshalb auf Dauer ihren Erfolg. Denn sie wissen ja auch um ihre Niederlagen und sie müssen sich das Siegersein immer krampfhafter einreden.
Aber den Satz „Ich gebe mein Bestes“ können sie in jedem Wettkampf wahrmachen. Denn sie schauen damit nicht auf das Ergebnis - das ist nicht nur von ihnen allein abhängig -, sondern auf ihren inneren Zustand. Und für den sind sie ganz allein zuständig.
Frage an Sie: Was wäre ein nützlicher positiver Satz, der Sie aktiviert und dessen Verwirklichung in Ihrer Hand liegt?
Um mentale Stärke in der Krise zu erwerben, braucht es die Auseinandersetzung mit der Realität und den eigenen negativen Gedanken. Es geht darum, in der Welt anzukommen, so wie sie ist – und dann positiv weiter zu gehen.
Wichtig ist es, die eigenen kontraproduktiven, ja zerstörerischen Gedanken in der Krise zu entdecken. Auf dem Boden der Realität gilt es dann zu verändern, was einem Wege steht und realistische Gedanken zu fördern, die einen beim Weg aus der Krise unterstützen.

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