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Auszug aus “Spielregeln des Familienlebens. Anregungen nach dem Ansatz von Bert Hellinger“

Eltern und Kinder – die „Großen“ und die „Kleinen“
Schon allein die Formulierung dieser Überschrift mag den/die eine/n oder andere/n LeserIn empören. Wird nicht durch solche Formulierungen eine unserer Zeit nicht mehr gemäße Hierarchie heraufbeschworen? Bilder von Unterdrückern und Unterdrückten mögen bei dem Gedanken daran auftauchen. Ziel ist doch heute das partnerschaftliche Zusammenleben in einer Familie und dazu ist es wichtig, die grundsätzliche Gleichheit zu betonen statt der Unterschiede!
Nun gibt es zweierlei Verständnis von Partnerschaft in der Familie. Einmal wird darunter verstanden, dass „die Partner“ aufeinander Rücksicht nehmen, sich achten und sich akzeptieren. Diese Form der Partnerschaft in der Familie halten wir für notwendig, sinnvoll und begrüßenswert.
Zum anderen wird darunter verstanden, dass die Eltern die Kinder als „gleich“ empfinden und deshalb auch so behandeln wie Gleichberechtigte, möglichst in allen Bereichen. Aber die Partner in der Familie, die Eltern und Kinder, sind nicht gleich, sondern unterschiedlich. Jeder Mutter und jedem Vater ist klar, dass das partnerschaftliche Miteinander, bei dem jede Stimme - die der Eltern und die der Kinder - gleich zählt, nicht von vornherein möglich ist. Ein Baby kann noch kein gleichberechtigter Partner sein, genauso wenig wie ein fünfjähriges oder zehnjähriges Kind. Aber mit zunehmendem Alter wird das Gewicht der Stimme des Kindes steigen, und die Entscheidungen der Eltern mit beeinflussen.
Dennoch bleibt ein grundsätzlicher Unterschied, und Eltern wie Kinder wissen darum.

Von der natürlichen Ungleichheit: Wer gibt – wer nimmt?
Konstanze ist in der letzten Schwangerschaftswoche. Sie erwartet ihr erstes Kind. Mitten in der Nacht wacht sie auf von einem Druck in ihrem Kreuz und einem leichten Ziehen im Bauch.
„Ob das Wehen sind?“ schießt es ihr durch den Kopf. Sie schubst Erik an, der neben ihr schläft. „Du, ich glaube es geht los!“ Konstanze und Erik sind aufgeregt. Sie fahren zusammen ins Krankenhaus. Am Anfang läuft Konstanze noch am Arm von Erik die Gänge auf und ab. Doch dann wird es ernst. Die Wehen werden immer heftiger und schmerzhafter.
Konstanze kommt in den Kreißsaal. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Erik massiert ihren Rücken. Und dann kommen die Preßwehen. Konstanze nimmt ihre ganze Kraft zusammen, einmal, zweimal, dreimal. Noch eine letzte Presswehe, und dann ist es da: ein winziges Baby, verklebte Haare, die Augen geschlossen - ihre Tochter Annika
Annika ist das Kind von Erik und Konstanze. Neun Monate hat Konstanze Annika in ihrem Bauch getragen, gespürt, wie sie als Baby gewachsen ist.
Jetzt ist Annika auf der Welt. Konstanze ist erschöpft, glücklich und erleichtert. Sie kann es noch gar nicht fassen. Zum ersten Mal sieht sie das Kind, das so lange Teil von ihr war.

Eltern schenken den Kindern das Leben – das macht den elementare Unterschied zwischen beiden aus. Dieser Vorgang ist die selbstverständliche Grundlage unseres Lebens. Jedem ist es so geschehen. Das Leben kommt durch die Eltern zum Kind. So wie Konstanze und Erik durch ihre eigenen Eltern das Leben bekommen haben, haben nun die beiden das Leben an ihre Tochter Annika weitergegeben. Dabei ist dieses Leben nicht ein persönliches Eigentum der Eltern. Der Dichter Kahlil Gibran drückt es mit folgenden Worten aus:

    „Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
    Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber.
    Sie kommen durch euch, doch nicht von euch.
    Und sind sie auch bei euch,
    so gehören sie euch doch nicht.“

Allein diese Weitergabe des Lebens, der biologische Fakt als solcher, macht eine Frau zur Mutter und einen Mann zum Vater. Das vergessen viele Mütter und Väter. Sie sind sich über die Bedeutung und den Wert dessen, was sie den Kinder gegeben haben, nicht im klaren. Wären sie das, hätten sie ein größeres Selbstverständnis als Mutter oder Vater, würden sie sich selbst ein größeres Gewicht geben. Statt dessen versuchen sie, sich, ihrem Kind und der Umwelt zu beweisen, dass sie als Mutter und Vater taugen. Dabei ist das wirklich Wesentliche bereits geschehen.
Bert Hellinger formuliert den grundsätzlichen Unterschied zwischen Eltern und Kindern so:
„Zu den Ordnungen der Liebe zwischen den Eltern und Kindern gehört als erstes, daß die Eltern geben und die Kinder nehmen. Es handelt sich hier aber nicht um irgendein Geben und Nehmen, sondern um das Geben und Nehmen des Lebens. Die Eltern geben den Kindern, wenn sie ihnen das Leben geben, nicht etwas, was ihnen gehört. Sie geben, was sie selber sind, und dem können sie weder etwas hinzufügen noch etwas davon weglassen oder für sich zurückbehalten. Sie geben sich mit dem Leben den Kindern so, wie sie sind, ohne Zusatz und ohne Abstrich. Dementsprechend können die Kinder die Eltern nur nehmen, wie sie sind, wenn sie das Leben von den Eltern bekommen, und sie können dem weder etwas hinzufügen noch etwas weglassen oder etwas davon zurückweisen.“
Aber ist das nicht viel zu radikal gesehen? Wozu soll ein solcher, eher theoretisch klingender Standpunkt gut sein? Der Brief einer unserer Teilnehmer an der Weiterbildung im Familien-Stellen (selbst Vater von Kindern) drückt sehr klar den Zweifel an einem solchen Standpunkt aus:
„Dabei habe ich etwas Mühe mit der Absolutheit des Ausdrucks: ‘Eltern geben und die Kinder nehmen.‘ Die Eltern geben etwas Unpersönliches: das Leben. Dabei wird vergessen, was die Kinder geben. Auch völlig unpersönlich. Durch die Kinder bekommen die Eltern einen neuen sozialen Status. Das ist etwas, was die Kinder geben. Dadurch werden die Eltern aufgewertet. Und durch die Kinder bekommen die Eltern noch vieles mehr. Die Eltern können und müssen über die Kinder an der eigenen Entwicklung arbeiten. Das ist ein Nehmen. Und sie dürfen an der Jugend teilnehmen. Das alles kommt durch die Kinder zu den Eltern. So wie das Leben durch die Eltern zu den Kindern kommt. Ist das nicht ein gegenseitiges Geben und Nehmen? Auf einer sehr existentiellen Ebene. Müsste man nicht sagen: ‘Eltern geben und die Kinder nehmen. Kinder geben und die Eltern nehmen?‘ Allerdings, was gegeben und genommen wird, ist jeweils nicht dasselbe. Kann es gegeneinander aufgewogen werden? Was ich eigentlich sagen wollte: Die Kinder nehmen nicht nur, sie geben auch. Das ist mehr als offensichtlich. Und das muss gewürdigt werden.“
In bestimmter Hinsicht ist dieser Standpunkt richtig. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass man unter anderem viel Freude und Lebendigkeit sowie eigene „Wachstumschancen“ durch seine Kinder erhält. Auf dieser Ebene bekommen auch Eltern. Und natürlich ist es gut, wenn man das als Eltern sieht und würdigt
„Die Eltern geben und die Kinder nehmen“ beschreibt ein Geschehen auf einer anderen, auf einer tieferen Ebene. Die Kinder kommen durch die Eltern. Ohne Eltern, keine Kinder. Dieser Unterschied ist so gewaltig, dass das, was Eltern dafür bekommen, nicht ins Gewicht fällt und nicht gegeneinander aufgewogen werden kann. Das Weitergeben des Lebens muss in seiner ganzen Bedeutung anerkannt werden. Das tut dieser Satz: „Die Eltern geben, die Kinder nehmen.“
Bert Hellinger beleuchtet den gesamten Zusammenhang so:
„Die Eltern geben ihren Kindern, was sie selbst vorher von ihren Eltern genommen haben, auch von dem, was sie vorher als Paar, der eine vom anderen, nahmen. Zusätzlich zum Geben des Lebens sorgen die Eltern noch für die Kinder. Dadurch entsteht zwischen Eltern und Kindern ein riesiges Gefälle von Nehmen und Geben, das die Kinder, selbst wenn sie es wollten, nicht ausgleichen können.“
Diese Haltung ist den meisten Eltern in dieser Deutlichkeit und Klarheit ungewohnt. Sie erscheint übertrieben, vielleicht sogar arrogant. Denn viele Eltern legen heute mehr Wert darauf, ihren Kinder mehr Kumpel, erwachsener Freund/in oder große/r Bruder/Schwester zu sein als Eltern.
Durch das biologische Geschehen besteht jedoch ein natürliches Gefälle von den Eltern zu den Kindern. Die Großen sind „vorgeordnet“. Die Eltern waren vor den Kindern da, die Kinder kommen durch sie, also nach ihnen. Die Großen geben – die Kleinen nehmen.
In der Arbeit mit Familienaufstellungen wird die Größe dieses Vorgangs vom Weitergeben des Lebens spürbar und dass in jedem von uns ein Ahnen davon ist. In der Tiefe wissen wir alle darum, auch wenn wir es oft an der Oberfläche nicht anerkennen wollen.
So erleben wir in Aufstellungen immer wieder, dass der Satz „die Eltern geben und die Kinder nehmen“ eine gute Wirkung zeigt. Er gibt den Eltern Kraft und erleichtert und befreit die Kinder. Beide gewinnen dadurch – auch wenn wir nicht genau verstehen warum.
Die natürliche Ungleichheit spiegelt auch eine weitere Satz wider, der immer wieder in Aufstellungen gebraucht wird. Es ist der Satz einer Mutter oder eines Vaters zum Kind ”Ich bin die/der Große und du die/der Kleine.” Er benennt den grundsätzlichen Unterschied im Verhältnis von Eltern und Kindern und das, was darin ausgedrückt wird, entspannt Eltern und Kinder.
Die Ungleichheit zeigt sich darin, dass Kinder von den Eltern etwas „brauchen“. Kinder brauchen „Sicherheit, Orientierung und Halt“ (Rogge) und „das Wissen um den eigenen Platz innerhalb der sozialen Struktur“ (Dreikurs). Damit Eltern ihren Kindern diesen sicheren Platz geben können, müssen sie innerlich „groß“ sein.
Wichtig dabei ist: Groß-sein meint nicht, dass die Eltern als die Großen besser sind und dass die Kinder minderwertig sind gegenüber den Eltern. Als Menschen sind Eltern und Kindern gleichwertig
Dreikurs spricht in seinem Erziehungsklassiker „Kinder fordern uns heraus“ mit anderen Worten davon. Er nennt Kinder und Erwachsenen „sozial gleichwertig“. „Gleichwertigkeit heißt nicht Gleichheit! Gleichwertigkeit heißt, dass alle ohne Rücksicht auf ihre persönliche Unterschiede und Fähigkeiten denselben Anspruch auf Achtung und menschliche Würde haben.“
Oder wie es A. S. Neill in seinem ebenfalls klassischen Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ ausdrückt: “...im großen und ganzen respektieren wir Individualität und Persönlichkeit eines Kindes in der gleichen Weise wie die eines Erwachsenen, ohne zu vergessen, dass sich das Kind vom Erwachsenen unterscheidet.“
Jemand, der „groß“ ist, achtet die Würde, Persönlichkeit und Individualität des Kindes. Aber er kann auch mit notwendiger Autorität eingreifen. Vielleicht ist das Überraschende, dass A. S: Neill, der Begründer der antiautoritären Erziehung, in seiner pädagogischen Arbeit mit schwierigen und schwer belasteten Kindern sich keinesfalls in der Form „antiautoritär“ verhält wie die vielen, die versucht haben, ihn nachzuahmen. „Wir lassen einen Sechsjährigen nicht entscheiden, ob er ins Freie gehen kann oder nicht, wenn er Fieber hat. Und wir fragen auch kein übermüdetes Kind, ob es ins Bett gehen will. Man fragt ein krankes Kind nicht nach seiner Einwilligung, wenn man ihm Medizin gibt.“
Wenn man dieses Buch aufmerksam liest, dann fällt einem auf, wie wichtig die Haltung des Erziehers als „groß“ ist. Mit ihr findet er das nötige und richtige Maß, Kindern Freiheit zu geben. Und es scheint so, dass das riesige Durcheinander, das die sog. antiautoritäre Erziehung vor drei Jahrzehnten in Deutschland angerichtet hat, daher kommt, dass Eltern nur ein äußeres Verhalten zeigten, ohne die dazu notwendige Haltung verinnerlicht zu haben.

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