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Auszug aus "Der Apfel-Faktor. Wie die Familie, aus der wir kommen, beruflichen Erfolg beeinflusst"

Die unsichere Unternehmerin oder warum Frauen es schwerer haben
Frau Burger ist 50 Jahre alt und führt erfolgreich einen mittelständischen Zuliefererbetrieb, den ihr Vater aufgebaut hat. Der Vater starb überraschend vor 20 Jahren an einem Herzinfarkt, worauf sie als ältestes Kind den Betrieb übernahm.
Trotz ihres Erfolgs kommt sie innerlich nicht zur Ruhe. Immer wieder hat sie nachts Alpträume, in denen sie scheitert und der Betrieb bankrott geht. In der letzten Zeit häufen sich diese Ängste. Und was sie auch vor sich selbst nur schwer zugeben mag: Insgeheim fühlt sie sich gegenüber Männern in ähnlicher Position unterlegen.

Es wirkt nach außen hin seltsam, wenn jemand Erfolg hat, den er sich selbst aber nicht zugestehen kann. Frau Burger hat enorm viel geschafft und geleistet. Trotzdem gibt das Erreichte ihr nicht genügend Sicherheit und Selbstvertrauen.
Woher mögen nur ihre Ängste herrühren? Vor ein paar Jahren war das Thema „Hochstaplersyndrom“ in der Presse populär. Jemand hat Erfolg, aber gleichzeitig das Gefühl, ihn nicht zu verdienen und deshalb Angst, irgendwann durchschaut und als Hochstapler entlarvt zu werden. Aber selbst wenn diese Beschreibung bei Frau Burger zutreffen sollte - woher kommen diese Ängste? Und wie kann sie sie bewältigen?
Die Beschäftigung mit den Eltern und der Familie erhellt das unverständliche Dunkel. Auf die Frage, wer in Ihrer Familie erfolgreich war, sprudelt sie los: „Mein Vater, natürlich! Er ist mein großes Vorbild. Er hat unter schwierigsten Umständen seinen Betrieb aufgebaut. Und trotz der ganzen Arbeit ist er freundlich und herzlich geblieben und hat immer Zeit für meine Mutter und mich gehabt.“ Das Thema Mutter streift sie dann nur kurz. Diese blieb zu Hause im Hintergrund und zog ihre Tochter als Älteste und noch zwei jüngere Geschwister groß.
Bei diesem erfolgreichen Vater müsste die loyale Tochter eigentlich – nach den bisherigen Beispielen - ganz selbstverständlich zu Sicherheit und Selbstvertrauen gelangen. Sie ist jedoch die Tochter und nicht ein Sohn. Das macht die Nachfolge komplizierter.
Ein Kern der menschlichen Identität ist das eigene Geschlecht, ob jemand also männlich oder weiblich ist. Das ist er Ausgangspunkt, um den herum sich die weitere Persönlichkeit entwickelt. Der Sohn schaut also zum Vater, die Tochter zur Mutter. Die Identität als Mann und die Identität als Frau sehen sie dort verkörpert. Diese elementare erste Verbindung ist mit dem Vertreter des gleichen Geschlechts.
Wenn Frau Burger also ihre Identität als Frau sucht, schaut sie zu ihrer Mutter. Hier findet sie ihr Vorbild für Frausein. Ob die Mutter zufrieden war? Auf diese Frage meint Frau Burger zögernd: „Sehr glücklich hat sie nicht gewirkt. Aber so waren nun mal die Zeiten.“ Sie hat also einen aktiven, beruflich erfüllten und zufriedenem Vater und eine zurückgezogene Mutter, die sich in ihr Schicksal als Hausfrau und Hüterin der Kinder schickte. Diese Spaltung zwischen Vater und Mutter trägt Frau Burger innerlich mit sich weiter.
Auch wenn sie begeistert von ihrem Vater ist, sie ihm auch als Leiterin des Betriebs nachgefolgt ist, so gibt es doch darunter die unsichtbare Loyalität zu ihrer Mutter. Ihre Alpträume sind wie ein Tribut an diese Verbindung. Auf der einen Seite bleibt so Frau Burger als Unternehmerin durch ihre Erfolge dem Vater treu, auf der anderen Seite durch das Gefühl der Inkompetenz im geschäftlichen Bereich gleichzeitig der Mutter. Denn Kinder sind ja stets mit beiden Eltern, mit Vater und Mutter, verbunden.
Am Beispiel von Frau Burger wird eine besondere Schwierigkeit für weibliche Führungskräfte und Unternehmerinnen sichtbar, deren Mütter noch Hausfrauen waren. Es fehlt das berufliche Rollenvorbild in der Familie. Stattdessen gibt es als vorgelebtes Beispiel die Rolle der reinen Hausfrau. Die Söhne haben es einfacher, sie haben im Regelfall einen berufstätigen Vater, aber nicht alle Töchter haben eine berufstätige Mutter.
In einem solchen Fall existiert im Inneren der berufstätigen Frau manchmal ein unbewusstes Dilemma. Es kommt ihr so vor, als gäbe es nur eine Entweder – Oder. Entweder sie entscheidet sich für den beruflichen Erfolg als der männlichen Seite und verzichtet auf die volle Weiblichkeit. Oder sie lehnt die männliche Seite und damit den beruflichen Erfolg ab und entscheidet sich für das Frausein. Aber hier hat sie nur das althergebrachte Rollenmodell vor Augen.
Besonders schwer hat es die Frau, deren Mutter selbst gern berufstätig und erfolgreich geworden wäre und sich deshalb als bloße Hausfrau und Mutter von Kindern unglücklich fühlte. Die unbewusste Treue, die sich als so wichtig herausstellt, ist gerade die Treue, die sich ein ähnliches Schicksal auferlegt und ein Scheitern oder Unglücklichsein im Berufsleben herausfordert.
Deswegen stellen gerade Übergangszeiten wie heute besondere Anforderungen an den einzelnen. Es geht darum, das, die eigene Loyalität anzuerkennen und gleichzeitig den Weg zu einer neuen selbstverantwortlichen Lebensweise zu finden. Vielleicht hilft Frauen dabei die Vorstellung, dass ihre Töchter es wieder leichter haben, wenn sie selbst zum guten Vorbild von beruflichem Erfolg und Frausein werden.
Die Ängste von Frau Burger führen sie also zu der Frage: Wie kann sie zufrieden Frau sein und gleichzeitig erfolgreiche Unternehmerin? Dazu muss sie sich mehr mit ihrer Mutter aussöhnen. Bislang war ihr großes Vorbild der Vater, für den sie schwärmte. Auf die Mutter blickte sie eher etwas verächtlich herab. Dem Vater fühlte sie sich innerlich nah und verwandt, der Mutter gar nicht.
Erst wenn sie ihre Zuneigung und Liebe zur Mutter wieder findet, kommt sie aus dem inneren Zwiespalt heraus. Dann kann sie als Kind beide Eltern lieben und von jedem das Beste annehmen.

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