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Auszug aus „Alles ist möglich" und 25 andere fatale Irrtümer im Business

Irrtum 1
Alles ist machbar
Ist dies nicht eine der wichtigsten Überzeugungen im Business? Ein Antrieb, um bislang Ungedachtes in die Welt zu bringen? Um Berge zu versetzen und sich von keinem Hindernis aus der Bahn bringen zu lassen? Und dabei unbeirrt an den eigenen Visionen festhalten und sie gegen alle Widerstände durchsetzen! "Nichts ist unmöglich"- nicht umsonst ist das das Motto von Toyota, dem erfolgreichsten Autobauers der Welt.
Es gilt die mentalen Barrieren zu durchbrechen, die anerzogen und von früheren Generationen übernommen sind. Nur so entsteht wirkliche Innovation. "Alles ist machbar" treibt vorwärts im großen wie im kleinen. Der Gedanke spornt an im Kampf gegen den Alltagsfrust. Damit irgendwann etwas Großes oder Neues entsteht, das einem den verdienten persönlichen Erfolg bringt.
Und doch -
"Alles ist machbar" ist das Vorrecht der Jugend. Mit gnadenlosem Blick durchschauen junge Menschen die Beschränktheit und die Schwächen der Älteren. "Mir gehört die Welt" - mit diesem Selbstvertrauen schaffen sie Gewaltiges und gestalten die Welt ein Stück weit um. Meist bringen junge Jahre die revolutionären wissenschaftlichen Entdeckungen. Albert Einstein publizierte im Alter von 26 Jahren einige seiner wichtigsten Einsichten über die Relativitätstheorie. Und Alexander war auf dem Weg, die ganze Welt erobern, als er im Alter von 30 Jahren starb. (Ein Tipp für Nachahmer: Wer genial ist, tritt wie er auf dem Höhepunkt ab. Dann bleibt sein Ruhm in der Nachwelt makellos.)
Haltungen, die beim Jugendlichen sympathisch wirken, erwecken Skepsis, wenn ein handfester Businessmensch in mittleren Jahren sie vertritt. Alles ist machbar? Wer in die Lebensmitte kommt und immer noch daran glaubt, der ist unreif. Eine Idee ist zwanghaft geworden.
Wie kommt die Jugend zu ihrem Glauben an die unendliche Machbarkeit? Das Vertrauen in das eigene Urteil ist enorm. Wer jung ist, dem hat oft das Leben noch wenige Wunden geschlagen, kaum Grenzen aufgezeigt. Die komplexe Welt außen herum wird vereinfacht und nach den eigenen, von wenig Erfahrung getrübten Maßstäben bewertet. Teile der Wirklichkeit werden ausgeblendet - damit sind die eigenen Ideen gerechtfertig. Aber gleichzeitig - die Älteren müssen sich nur an früher erinnern - wirkt dieser Hauch von Größenwahn unschuldig und so meist liebenswert.

Der ungetrübte Glaube der Jugend an die eigene Kraft ist so lebendig und frisch. In der Frauenzeitschrift Brigitte bringen es einige junge Frauen auf den Punkt. Sophia (18): "An Jungs in unserem Alter finde ich stark, dass sie verrückte Dinge machen, ohne lange darüber nachzudenken." Mirjana (19): "Die werfen sich mit dem Skateboard einen Hügel runter: Jeder normaler Mensch würde sagen 'Du tust dir unglaublich weh dabei', aber denen ist das egal. Sie machen es einfach, um das mal auszuprobieren. Das finde ich schon toll." Und Anna (18) stellt fest: "Ältere Männer, unsere Väter zum Beispiel, würden so was nicht machen." (Und die meisten Väter werden an dieser Stelle nicken.)

Wer im Business unbeirrt daran festhält, dass alles machbar ist, wird zum "Macher". Macher existieren in vielen Ausprägungen, in sympathischen Varianten, aber auch in eher unangenehmen. Die harmlose Kleinvariante ist der Tüftler. "Das muss doch gehen!" Und dann probiert er und probiert er, unermüdlich, bis endlich die Lösung für ein technisches Problem gefunden ist. Diesem wichtigen und nützlichen Zeitgenossen möchte ich hier keinen Irrtum unterstellen. Denn was er anpackt, bringt er auch zu Ende.
Macher werden dann gefährlich, wenn sie die Grenzen ihres Einflussbereichs ausblenden. So nehmen sie die Wirklichkeit nur ungenügend wahr und richten mit ihren Entscheidungen Unheil an. Lehrstücke dafür gibt es viele. Als Beispiel kann der erfolgreiche Weltkonzern dienen, den sich Daimler erträumte. Oder der Irakkrieg, der mit der Überzeugung begonnen wurde, jubelnd als Befreier begrüßt zu werden.
Zum Machen braucht es immer zwei: den Macher und den Werkstoff, der es "mit sich machen" lässt. Die klassische Beschreibung davon findet sich in der Bibel. Gott schuf nach vielen anderen Lebewesen Adam aus Lehm, nach seinem eigenen Bild wohl gemerkt. Und damit war er der erste, aber auch der letzte, der sich eine Welt eingerichtet hat, so wie sie ihm gepasst hat.

Technokraten nehmen sich das zum Vorbild und versuchen genauso, sich eine kleine Welt zu basteln. Die soll genauso funktionieren, wie sie es sich gedacht haben und wünschen. Eine Zeitlang mag das funktionieren. Dann kommt Sand ins Getriebe.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein ganz banaler ist der Zufall. "Je genauer man plant, desto härter trifft einen der Zufall." Pläne werden gemacht. Und dann kommt alles anders als man gedacht hat. Murphys Gesetz bringt es auf den Punkt: "Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es auch schief gehen."
Außerdem lassen Menschen sich nicht "machen", geschweige denn die Welt um uns herum. Nur Maschinen lassen sich so behandeln, Menschen wollen sich nicht berechnen lassen. Wer überzeugte, motivierte Mitarbeiter "machen" will, stößt an seine Grenzen.
Manipulieren, eine versteckte Form des Machens, hilft nur eine Zeitlang. Wer versucht, seine Gefühle "effektiv" einzusetzen und zu dosieren, hat den Charme einer Rechenmaschine. Damit ist er gleichzeitig genauso liebenswert. Begeisterung und freiwilliger Einsatz lassen sich so nicht wecken. Hier gilt das alte Motto von Augustinus: "In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst." Eine schwierige Aufgabe für einen Macher, in sich ein solches Feuer zu entfachen. Trockenes Holz hat er vielleicht genug gesammelt. Aber wie den Funken schlagen?
Wem die Streichhölzer fehlen, dem wurden vor einigen Jahren Flammenwerfer angeboten. In Großveranstaltungen standen leidenschaftliche Trainer auf der Bühne, die mit feurigen Tschaka-Tschaka–Rufen reservierte und kontrollierte Manager von den Sitzen rissen. Das Bedürfnis nach Feuer ist also da!

„Erwecken Sie den Giganten in sich!" (ein Buchtitel von Management-Guru Anthony Robbins) verkörpert die Hoffnung am treffendsten. Superman klopft an, um herausgelassen zu werden. Alle früheren Selbstzweifel, Ängste und Depressionen sind vom Tisch, bzw. fest unter Kontrolle. Alles ist machbar, alles erreichbar. Um jede nur denkbare Lebenssituation zu bewältigen, gibt es eine Technik mit genau vorgeschriebenen Schritten. Damit lösen Sie die Probleme! Ganz gleich, ob es sich um Arbeitsunlust, fehlendes Charisma oder Alkoholsucht handelt.
Des Kaisers neue Kleider, die die Gurus damals versprochen haben, haben sich wieder in Luft aufgelöst. Im Grunde ein bisschen schade, denn - bei aller Verstiegenheit – die Gefängnismauern der grauen Normalität bröckelten eine kurze Zeit lang. Der übertriebene Ausbruch in Lebendigkeit und Begeisterung ist gescheitert. Die Sehnsucht danach schlummert weiter im Untergrund.
Reine Macher werden immer wieder scheitern. Die Wirtschaft ist unberechenbar, denn die Welt als Ganzes entzieht sich der Kontrolle einzelner. In den Zeiten der Globalisierung mehr denn je! Wer heute noch Marktführer ist, mag morgen ums Überleben kämpfen. Und dann mag ein Attentat wie der 11. September geschehen, ein Meeresbeben, das zum Tsunami führt. Plötzlich klemmt das wirtschaftliche Uhrwerk, all die wunderbaren Pläne und Prognosen werden zur Makulatur.

Besser also, sich nichts vorzumachen! Es erfordert Mut, sich hin und wieder Hilflosigkeit und Machtlosigkeit zuzugestehen. Das ist eine Qualität, die im Business nicht geschätzt wird. Aber nur damit bleibt der Blick klar und offen für die Realität. Dann kann der einzelne aus der Situation heraus kraftvoll handeln - im Rahmen dessen, was ihm möglich ist.
Noch eine Abschweifung zum Schluss: Businessleute stehen mit dem Machbarkeitswahn nicht allein. Er schimmert heute überall durch, in Wissenschaft, Technik und Politik. Welteroberer Alexander steckt noch in den Zellen. Nichts gegen den faustischen Forscherdrang, der erkennen will, was die Welt im Innerersten zusammenhält! Aber immer noch herrscht der Glaube vor, dass die Natur beherrscht und erobert werden kann.
Irgendwann z. B. muss Krebs als Krankheit doch ausgerottet sein, die Tumore, die „Saat des Bösen“ (Spiegel 24/07) vernichtet werden! Typisch für die letzten 200 Jahren in der Medizin zeigt das die Geschichte der Infektionskrankheiten. Das Antibiotikum Penicillin wurde zuerst als Wundermittel erlebt, die bestimmten Infektionen endgültig den Garaus machen sollte. Inzwischen ist mehr als Ernüchterung eingekehrt. Je häufiger Penicillin eingesetzt wurde, desto mehr hat die Natur neue Wege gefunden, sich zur Wehr zu setzen. Immer mehr Bakterien sind resistent dagegen. Ja, die Anwendung von Penicillin fördert sogar das Entstehen neuer resistenter Bakterienstämme. was u. U. tödlich für Patienten endet.

Diese alte Spaltung zwischen Mensch und Natur richtet heute mehr Schaden an als Nutzen. Es scheint an der Zeit, den in der Bibel enthaltenen Auftrag Gottes "macht euch die Erde untertan!" zu revidieren. Wann lernt der Mensch, sich als Teil eines größeren Ganzen zu akzeptieren? Um dann in diesem Rahmen sein Bestmögliches für sich, seine Mitmenschen und den Rest der Welt zu tun. Die Wirtschaft als unentbehrliche Grundlage menschlichen Überlebens spielt dabei eine essentielle Rolle.
Auch die damit verbundene unselige Zerrissenheit in „gut“ und „böse“ im Menschen selbst muss irgendwann aufhören. Das Gute, die Tugenden, werden mit aller Kraft angestrebt. Das Böse, die Sünde, wird bekämpft und unterdrückt. Was ja nicht von großem Erfolg gekrönt ist, wie die Geschichte der christlichen Völker in den letzten 1500 Jahren zeigt. Wer das Böse ausrotten will, tut es meist auf sehr böse Art und hält es dadurch gleichzeitig am Leben. Es ist eben nicht alles machbar ...
Wie es scheint, öffnet sich heute der geistige Horizont für neue Einsichten, die gleichzeitig alte Weisheit integrieren. So dass der Mensch, statt sich weiter aufzuspalten, zu einer inneren Einheit findet, bei der es weniger um das Machen und mehr um das Sein geht.

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